Die Schweiz in der Anti Public Combo List

- - Allgemein, IT

Datenleaks? Schon wieder? Nun – wenn fast eine halbe Milliarde (458’000’000…) Benutzeraccounts geleaked werden, ist das schon einen Artikel wert, nicht?

Für Besucher aus Deutschland: Anscheinend hat das Deutsche BKA die „Liste“ mittlerweile auch gefunden (2 Monate später…)
Der Folgeartikel Deutschland in der Anti Public Combo List findet man hier.

Anti Public Combo List

Im eigentlichen Sinne handelt es sich dabei nicht um einen Leak sondern viel mehr eine direkte Folge von Leaks. Eine sogenannte „Combo List“ ist nicht anderes als zusammengefasste und aufbereitete Datenleaks in Form von Benutzername oder Email und Passwort. Das sieht dann in etwa so aus:

Anti Public Combo List Schweiz[email protected]:ultrasupergeheim
[email protected]:meinpasswort
….

 

Die Daten dafür stammen aus den unterschiedlichsten Leaks und werden so „ready-to-use“ bereitgestellt.

Speziell an der „Anti Public Combo List“ in dieser Hinsicht ist sicher die Grösse;  Mit fast einer halben Milliarde Accounts (6% der gesamten Weltbevölkerung, 14,3% der Weltbevölkerung mit Internetzugang…) handelt es sich doch um ein etwas umfassenderes „Werk“ in dem selbstverständlich auch Schweizer Benutzer wieder recht gut vertreten sind…

Die Schweiz in der Anti Public Combo List

Total Accounts aus der Schweiz oder Liechtenstein: 796’983 davon 663’558 einzigartige Emailadressen
Total Accounts aus der Schweiz:  782’212 davon 651’338 einzigartige Emailadressen
Total Passwörter im Klartext: 793’853
Total (noch) verschlüsselte Passwörter: 2’545 davon 183 bereits entschlüsselt
Durchschnittliche Passwortlänge: 8.08 Stellen

Die Anti Public Combo List enthält etwa 1315 Accounts des Bundes und mindestens 1768 Accounts von Kantonen.

Prozentual sind zwar „nur“ gerade 0,17 % der Liste Schweizer Benutzer – verglichen mit der Weltbevölkerung (Anteil Schweiz: 0,11 %) aber überdurchschnittlich viel. Nicht zu vergessen auch das generelle Interesse an der Schweiz (sehr hohes BIP = viel „Ertrag“ pro Account) das Schweizer Accounts überdurchschnittlich attraktiv macht.

Häufigste Passwörter

PasswortVorkommen ComboVorkommen SwissLeak.ch
1234560.34110.6561
1234567890.07740.1178
123450.06710.0811
123456780.06550.0932
12340.05830.0899
hallo0.02740.0336
passwort0.02620.0330
1111110.02620.0461
12345670.02550.0409
qwertz0.02390.0367

Abbildung: Prozentuale Verteilung der häufigsten Passwörter von Schweizer Accounts im Vergleich zur Datenbank von SwissLeak.ch

Die häufigsten Passwörter sind – nicht überraschend – ähnlich wie bereits im Artikel „Alles über Schweizer Passwörter“ beschrieben.

Hier muss man aber vielleicht auch einmal erwähnen, dass die interessanten Passwörter niemals unter den häufigsten zu finden sind…

Betroffenheit

Betroffen ist grundsätzlich jeder. In der Liste findet man vom grossen Finanzinstitut bis hin zur Pensionär eigentlich alles.
Unterschiedlich ist allerdings die Verteilung bzw. Betroffenheit pro Domain („das Ding nach dem @ in der Emailadresse…“).

DomainVorkommen ComboVorkommen SwissLeak.ch
bluewin.ch31.8127.85
gmx.ch22.4818.24
hispeed.ch3.783.34
sunrise.ch2.732.49
bluemail.ch2.702.13
freesurf.ch1.641.33

Abbildung: Prozentuale Verteilung der betroffenen Schweizer Accounts nach Domains im Vergleich zur Datenbank von SwissLeak.ch

Aus obiger Abbildung lassen sich eine Reihe von Schlussfolgerungen ziehen. Zum Einen liegt die Vermutung nahe, dass die „Anti Public Combo List“ echt ist. Die Verteilung der Domains ist zu ähnlich um von jemandem manuell zusammengebastelt worden zu sein.

Zum anderen zeigt sich aber auch, dass Benutzer mit Bluewin und GMX Emailadressen überdurchschnittlich oft in Datenleaks enthalten sind. Ein Grund ist sicher die hohe Verbreitung dieser Emailadressen in der Schweiz – vor allem unter Anwendern die sonst mit IT+EDV nicht viel am Hut haben.

Anti Public Combo List und SwissLeak.ch

Auf SwissLeak.ch haben wir Millarden von geleakten Daten durchsucht und die Schweizer Benutzer gefiltert und mit Metadaten angereichert. Dadurch sind viele der geleakten Benutzer aus der Anti Puplic Combo List bereits in SwissLeak vertreten (allerdings in etwas ausführlicher Form…).

Konkret findet man nur 44’563 oder 6.7%  neue Schweizer Benutzer in der Anti Public Combo List.

Vergleicht man aber die einzigartigen, neuen Passwörter so haben diese mit der Anti Public Combo List für Schweizer Benutzer um 72’415 Stück zugenommen. Oder anders ausgedrückt; Zu 27’852 bereits betroffenen Schweizer Benutzern sind neue Passwörter hinzugekommen.

Auswirkungen auf die Schweiz

Anders als bei einem herkömmlichen Leak müssen bei einer Combolist nicht mühsam die Daten extrahiert und Passwörter entschlüsselt werden – alles hat bereits jemand erledigt („Fastfood – Leak“…).

Automatisierte Angriffe

Eine solche „ready-to-use“ Liste zieht erheblich mehr Personen an, die diese Daten nutzen und ermöglicht eine wesentlich speditivere Verarbeitung.

Die Swisscom hat das – gemäss Ihrem Security Report 2017 (Seite 11) – am eigenen Leib erfahren als nur an einem Tag über 10’000 verdächtige (aber erfolgreiche…) Logins auf Emailkonten erfolgten (…10,000 suspicious yet successful logins on Bluewin e-mail servers). Bemerkt wurde das nur, da die Angreifer die Zugriffe lediglich mittels einer IP-Adresse ausführten(…from one single foreign IP address“).

Hand auf Herz – wer glaubt allen Ernstes, dass Personen mit etwas ernsteren Absichten in Zeiten des „Machine Learning“ nicht ein simples Skript schreiben können, welches solche Zugriffe zufällig aber kontinuierlich erhöht – mit unterschiedlichen IP-Adressen? Und wieso nur 10’000? Alleine in der Public Combo List sind über 250’000 Bluewin Adressen mit Passwort enthalten…

Solche automatisierten, massentaugliche Angriffe auf Schweizer Benutzer werden massiv zunehmen; Sofern sie mit etwas Kreativität durchgeführt werden, wird ein Grossteil der Benutzer diese Angriffe nicht einmal bemerken – bzw. erst wenn es zu spät ist.

Kombinierte Angriffe

Die Schweiz befindet sich mitten im digitalen Umbruch; Versicherungen, Steuern, Rechnungen – alles wird immer stärker digitalisiert und ein Austausch erfolgt vermehrt auf elektronischem Weg.

Zwar mögen entsprechende Schnittstellen „sicherer“ sein – die betreuenden Benutzer (z.B. Bank – und Versicherungsangestellte, Beamte…) sind es definitiv nicht und genauso von Leaks betroffen. Wer das nicht glaubt, kann einfach auf SwissLeak.ch einmal nach solchen Organisationen suchen.

Abgesehen von den sensiblen Daten die durch solche gelakten, „hochwertigen“ Benutzer zugänglich sind ergeben sich wesentlich mehr Gefahren, wenn man Sie auch noch als Köder nutzt. Bereits auf herkömmliche Phishing – Emails fallen immer wieder Benutzer herein – wie hoch wird die Erfolgsquote sein, wenn ein falsches Email vom richtigen Ansprechpartner kommt?

Sensible Quellen

Was man gerne vergisst – alleine in SwissLeak stammen fast 100’000 Schweizer Benutzer aus sensiblen Quellen – viele auch mit der Emailadresse des Arbeitgebers. Dementsprechend wird für diese Benutzer simple Erpressung das effizienteste Mittel sein – im Sinne von „Ich weiss, wo du dich letzten Sommer herumgetrieben hast…“.

Im Gegensatz zu Ransomware ist das Druckmittel nicht das Sperren von Daten sondern das Blossstellen des persönlichen Images – wahrscheinlich für viele wesentlich wichtiger als reine Daten.

Umdenken

Gerade in letzter Zeit liest man viel über „Sicherheitskonzepte“ oder wie sich gewisse Organisation vor Hackerangriffen schützen möchten.

Bei grösseren Organisationen und Staatsbetrieben werden Unsummen in Sicherheitsprodukte investiert, die man nicht aus Wissen und Erfahrung sondern aus Angst kauft. Angst vor Angriffen, Angst vor Unsicherheit – aber vor allem aus Angst vor Verantwortung.  Es könnte ja der Vorwurf laut werden – man habe nicht alles erdenkliche getan…

Auf der anderen Seite die typischen KMUs. Die bereits in anderen Artikeln angesprochene „Mich triffts schon nicht“ – Haltung führt dazu, dass – wenn Sicherheitsprodukte überhaupt vorhanden sind, diese als reine Alibiprodukte fungieren. Eine spezifische und individuelle Anpassung fehlt meistens.

Diese beiden typischen Einstellungen werden lediglich durch kurze, mediale Aufschreie unterbrochen (z.B. „WannaCry“, Dropbox Datenleak). Einzelne Punkte werden daraufhin vielleicht verbessert – meistens jedoch wieder durch das Prinzip „Hoffnung“ ersetzt.

Den effizientesten Sicherheitsfaktor vergisst man dabei oft. Ein aufgeklärter, selbständig denkender und kritisch hinterfragenden Benutzer ist mehr wert als jedes noch so ausgeklügelte Sicherheitskonzept oder Software. Selbstverständlich setzt das ein Minimum an Interesse des Benutzers voraus – doch gerade dass scheint immer mehr verloren zu gehen.

Man möchte „neue Technologien“ zwar nutzen, interessiert sich aber überhaupt nicht dafür wie diese funktionieren.

Es braucht ein Umdenken; Weniger künstliche und mehr „echte Intelligenz“ würde Datenleaks nicht verhindern – zumindest aber die Auswirkungen und Risiken drastisch reduzieren.

Print Friendly, PDF & Email

Es sind zurzeit 2 Kommentare vorhanden.

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.